Bei jedem Rollenspiel erzählen wir eine Geschichte. Je nach Spiel und Spielrunde kann dies sehr unterschiedlich ablaufen. Manchmal gibt eine Spielleitung (SL) vor, in welchem Rahmen wir uns bewegen. In anderen Fällen legen wir zu Beginn des Spiels als Gruppe das Setting fest und erzählen so von der ersten Sekunde an gemeinsam eine Geschichte.
Dabei spielt das Erzählrecht eine wichtige Rolle, aber eins nach dem anderen. Erzählrecht? Was ist das?
„Beschreib mal, wie das aussieht.“
Unter Erzählrecht versteht man im Rollenspiel das Recht, die Geschichte aktiv mitzugestalten. An keinem Tisch liegt das Erzählrecht zu 100% bei der SL. Schließlich ist ein typischer Satz am Spieltisch: „Beschreib mal, wie das aussieht.“ Es muss dabei auch nicht über das ganze Spiel bei der gleichen Person oder den gleichen Personen liegen. Je nach Spiel kann auch ein wechselndes Erzählrecht vorgesehen sein. So liegt bei vielen Spielen das Erzählrecht für die Handlungen der eigenen Charaktere bei den Spielenden, während die Spielleitung für NSCs und die Beschreibung der Welt verantwortlich ist, und oft auch generell für die Handlung, Herausforderungen, Storyline und vieles mehr. Diese bekannte Aufteilung muss aber keineswegs in Stein gemeißelt sein.

Erzählrecht – Sinnbild: Es ist genug für alle da! Quelle
Bei Spielen mit SL kann das Erzählrecht in vielen Momenten abgegeben werden. Dabei kann es durchaus befreiend sein, wenn die Spielleitung merkt, nicht allein für die Geschichtenerzählung verantwortlich zu sein. Das kann so aussehen, dass die SL aktiv die Spielenden bittet, Details zu einem Ort hinzuzufügen, sie im Weltenbau zu beteiligen, indem NSCs, Orte oder Fraktionen hinzugefügt werden. Aber es kann auch direkt der Verlauf der Spielsitzung beeinflusst werden, indem von der SL in einer unvorhergesehenen Situation – und seien wir ehrlich: die gibt es immer –, kann es für die Spielleitung eine große Hilfe sein, einfach fragen zu können: „Ja, was könnte denn jetzt die Folge davon sein – habt ihr Vorschläge?“
Im Spiel Mausritter wird die Spielleitung im Regelwerk dazu aufgefordert bei manchen Elementen den Spielenden das Erzählrecht zu übergeben. Ich mache dies gerne gleich zu Beginn einer Runde, um den Spielenden aufzuzeigen, dass ich nicht alles weiß. Beispielsweise könnte bei Mausritter zu Beginn gefragt werden:
- Wie heißt denn das Dorf, aus dem ihr kommt?
- Ihr werdet geschickt, um Honig zu sammeln – wieso braucht ihr denn Honig?
- Es gibt ein Volksfest in eurem Dorf – was wird gefeiert? Und wie genau?
- Wie sieht das Rathaus denn von außen aus?
Je kollaborativer eine Geschichte erzählt werden soll, desto stärker sollte das Erzählrecht entsprechend auf mehrere Schultern aufgeteilt werden. Neben einer guten Kommunikation am Tisch und einem gewissen Vertrauen zueinander, können gezielte Fragestellungen dabei helfen, gemeinsam die Welt zu erschaffen, in der wir uns während des Spiels bewegen. Manche Spiele funktionieren sogar allein auf Basis solcher Fragestellungen.
Gleichzeitig kann es für Spielende fantastisch sein, wenn Elemente, die sie selbst eingebracht haben, einen Einfluss auf die Geschichte haben, indem die SL oder andere Spielende sie später wieder aufgreifen. Das macht das Spielerlebnis noch interaktiver und immersiver, und fühlt sich gleichzeitig wertschätzend an. Das Erzählrecht aufzuteilen verlangt den Spielenden – einschließlicher der SL – mehr Improvisation ab. Das kann verunsichern, ist aber am Ende eine Übungs- und natürlich auch eine Geschmackssache.
Erzählspiele und spielleitungsloses Rollenspiel
So weit, so gut. Doch nicht immer ist eine Spielleitung notwendig, um ein Rollenspiel zu spielen.
Schließlich gibt es auch eine große Palette an Erzählspielen, welche sich auf dem ganzen Erzählrehtspektrum bewegen: Von SL-geführt bis gänzlich SL-los. In Erzählspiele bestimmen die Regeln wie Erzählrechte verteilt werden. So wird durch die Spielmechanik festgelegt, wer wann welches Element der Handlung bestimmt und beschreibt. Wie sieht das genau aus? Oft geben Erzählspiele einen konkreten Rahmen vor, welche Art von Geschichte, erzählt werden soll, lässt aber viel Raum dafür, wie diese Geschichte erzählt werden soll. Die Geschichte entwickelt sich viel stärker aus dem Moment heraus, wird von allen Spielenden am Tisch und von Mechaniken wie Karten, Würfeln oder das Beantworten von konkreten Fragestellungen beeinflusst. Am Anfang des Spiels weiß oft niemand am Tisch (also auch die SL nicht), wie die Geschichte verlaufen wird.

Erzählspiele – Es gibt eine Vielzahl an Erzählspielen, welche sich auf das kollaborative Erzählen einer Geschichte fokussieren. Quelle
Wie kann das genau aussehen? Ganz unterschiedlich! Beispielsweise kann das Erzählrecht für Anfang und Ende einzelner Spielszenen immer wieder wechseln, wie bei Mind of Margaret: Man spielt die Geschichte einer einzelnen Person – es gibt also nur einen SC – aufgeteilt in viele einzelne Szenen. Das Erzählrecht für den Anfang einer jeden Szene geht reihum, während innerhalb der Szene durch einen Würfelwurf entschieden wird, wer die Szene zu Ende erzählen darf. Es kann auch sein, dass das Erzählrecht für einzelne Aspekte der Welt auf einzelne Spielende aufgeteilt wird, wie bei Dream Apart, wo eine Person den wilden Wald verkörpert, eine andere den Markt und eine dritte die Texte und Traditionen der Zivilisation.
Solche Spiele kennenzulernen und die Mechaniken zu verstehen, kann für jede Spielrunde eine Inspiration und Bereicherung sein – so habe ich es zumindest für mich wahrgenommen.
Falls du Interesse hast hierzu mehr zu erfahren oder ein Erzählspiel auszuprobieren, komm gerne auf den Discord-Kanal unseres Vereins. Auf unseren Event gibt es immer wieder Erzählspielrunden. Eine Teilnahme an unseren Events ist kostenlos und für alle möglich – man muss dafür weder Vereinsmitglied sein noch Erfahrung mit Pen and Paper haben. Fühl dich also herzlich eingeladen vorbeizuschauen, ob digital via Discord oder in Person auf einem unserer Events.
Vielen Dank an Hannah, Frank und Michael, die mich beim Schreiben des Artikels durch Gegenlesen, kritische Nachfragen und konstruktive Vorschläge unterstützt haben!
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