Stell dir vor, du streifst mit deiner Gruppe durch ungezähmte Wildnis. Nicht auf der Suche nach Gold oder Ehre, sondern nach Zutaten. Nach Wissen. Nach Begegnungen mit Kreaturen, die so groß wie Häuser und so wild wie Stürme sind. Willkommen in Wilderfeast – einem Pen & Paper-Rollenspiel, das sich ganz anders anfühlt. In diesem System geht es um Wandel. Um Verantwortung. Und um die Frage:
Was passiert mit dir, wenn du ein Monster nicht nur bekämpfst – sondern isst?
One Land – eine Welt voller Leben
Wilderfeast spielt in einer urwüchsigen Welt namens One Land. Alles hier lebt, wächst, verändert sich – und verteidigt sich. Die Natur steht nicht still, und der Mensch ist nicht ihr Mittelpunkt. Doch genau hier leben die Wilder, Wesen irgendwo zwischen Mensch und Monster, die Spielerfiguren: Individuen, die sich der Wildnis stellen, um Gleichgewicht zu bewahren, Kreaturen zu rehabilitieren – oder sie zu bezwingen, wenn es keine andere Wahl gibt.
Immer wieder stoßen die Wilder auf Wesen, die von einer geheimnisvollen Krankheit befallen wurden: der Frenzy. Diese Kreaturen sind mächtig – und gefährlich für alles um sie herum. Doch Wilderfeast ist kein klassisches Monsterjagd-Spiel. Es geht darum, mit der Natur umzugehen. Sie zu beobachten. Zu lernen. Und zu kochen.

Struktur statt Module: Downtime und Journey
Das Spiel folgt einem klaren Ablauf, der für einen natürlichen Erzählrhythmus sorgt. Zwei große Modi bestimmen den Spielfluss: Downtime und Journey.
Während der Downtime befindet sich die Gruppe an einem sicheren Ort – einer Stadt, einem Dorf oder einer selbst gegründeten Basis. Hier wird gekocht, trainiert, gerasted oder einfach nur gefeiert. Man hat Zeit, um Dinge zu verarbeiten, Techniken zu verbessern oder sich mit anderen Figuren auseinanderzusetzen und auszutauschen.
Die Journey hingegen ist die Reise in die Wildnis – gefährlich, unberechenbar, aber voller Möglichkeiten. Sie besteht aus drei Segmenten:
Zuerst kommt der Trail: Man beobachtet die Umwelt, sammelt Zutaten, liest Spuren. Dann folgt die Hunt – der Moment der Konfrontation. Ein befallenes Biest stellt sich in den Weg, und es kommt zum Kampf. Am Ende steht das Feast: Die Gruppe kocht aus dem, was sie erbeutet hat – und verändert sich dadurch.
Dann kehrt man zurück in die Downtime. Gereift. Vielleicht gezeichnet. Aber nicht mehr derselbe wie zuvor.
Regeln mit Geschmack: Würfeln in Wilderfeast
Wilderfeast nutzt ein eigenes Würfelsystem, das sich stark am Erzählfluss orientiert. Aktionen werden nicht „angesagt“, sondern beschrieben. Die Spielleitung legt dann fest, welcher Stil und welche Fertigkeit am besten dazu passen. Daraus ergibt sich ein Würfelpool aus W6 – ergänzt durch den Action Die, normalerweise ein W8.
Die W6 zeigen, ob etwas gelingt. Der Action Die bestimmt, wie gut – und ob es vielleicht Folgen gibt. Wer mehr Risiko will, kann die eigene wilde Seite hervorholen. Dazu beschreibt man, wie ein eigener Monster-Trait hilft. Als Belohnung wird der Action Die ein W20 – man verliert dafür aber einen W6.
So entstehen Aktionen, die mechanisch interessant und erzählerisch eingebettet sind.
Kämpfe mit Charakter – Tools statt Klassen
Im Kampf verlässt sich ein Wilder nicht auf Klassen, sondern auf sein Tool – das zentrale Werkzeug, das seine Rolle definiert. Ob Riesenmesser, Flammenwerfer, Ofenhandschuh oder übergroße Pfanne: Jedes Tool bringt eigene Techniken und Manöver mit. Die Spieler können pro Runde drei Aktionen frei einsetzen – ähnlich wie in Pathfinder 2E. Kämpfe fühlen sich dadurch nicht wie Schadensvergleiche an, sondern wie Konfrontationen mit echten Verhaltensmustern. Denn das Monster ist kein reiner Zahlenblock – es hat Ziele, Reaktionen, Taktiken. Wer gewinnt, ist der, der sein Gegenüber versteht.

Kochen – wirklich das Herzstück
Wilderfeast nimmt das Thema Kochen ernst. Nicht nur als erzählerisches Motiv – sondern als zentrales Spielelement mit echten Auswirkungen. Nach jeder großen Konfrontation kommt es zum Feast: einem Ritual, bei dem die Gruppe das besiegte oder erlegte Wesen verarbeitet – kulinarisch und erzählerisch. Abseits des Feasts kann überall gekocht werden – ob am Wegesrand oder in der Downtime. Dabei nutzt man Zutaten, sogenannte Ingredients, um Mahlzeiten zuzubereiten, die Stamina wiederherstellen und temporäre Effekte verleihen. Diese Gerichte stärken die Gruppe für die nächste Herausforderung – verändern sie aber nicht. Nur bei diesen regulären Mahlzeiten kann man sich entscheiden, das Essen nicht sofort zu verzehren, sondern es als Snack vorzubereiten. Snacks wirken wie Tränke in anderen Systemen – sie geben Effekte und Heilung, genau dann, wenn man sie braucht.

Du bist, was du isst – Fortschritt in Wilderfeast
Statt Levels und XP arbeitet Wilderfeast mit einer anderen Idee von Wachstum. Ein Teil davon sind Techniken, die in der Downtime trainiert werden. Sie sind an das gewählte Tool gebunden und erlauben Spezialisierung. Der andere – vielleicht bedeutendere – Teil ist das Essen selbst. Was ein Wilder während des Feast verspeist, verändert ihn dauerhaft. Er übernimmt Eigenschaften, Bewegungsmuster, Fähigkeiten – vielleicht sogar Denkweisen. Denn im One Land gilt ein unumstößliches Gesetz:
Du bist, was du isst.
Und das ist nicht nur ein Spruch – sondern Spielmechanik.

Wer sollte Wilderfeast spielen?
Wilderfeast richtet sich an Spielrunden, die …
- Geschichten schätzen, in denen Entwicklung wichtiger ist als Macht
- mit Regeln arbeiten wollen, die Erzählung unterstützen statt bremsen
- Spaß an taktischem Spiel und emotionalen Momenten haben
- kooperative Dynamik und Wandel in den Mittelpunkt stellen
Es ist kein System für Powergamer – aber eines für Gruppen, die bereit sind, sich auf etwas Neues einzulassen.
Fazit – Was lässt du zurück?
Wilderfeast ist ein Spiel, das mit Erwartungen bricht. Es stellt Fragen, wo andere Systeme nur Antworten geben. Es belohnt Beobachtung statt Optimierung. Und es verändert nicht nur die Welt – sondern auch die, die in ihr spielen.
Was lässt du zurück, wenn du etwas tötest?
Und was nimmst du mit, wenn du es isst?
Ob für ein paar Sessions oder als langfristige Kampagne – Wilderfeast bleibt hängen.
Nicht zuletzt wegen der Frage:
Was kochen wir eigentlich heute?


