Du betrachtest gerade Dread – Systemvorstellung

Dread – Systemvorstellung

  • Beitrags-Autor:

Wie viele andere habe ich vermutlich viel zu früh eine Faszination für Horrorgeschichten und Filme entwickelt. Der Nervenkitzel ist einfach nicht zu übertreffen. Nur im Horror-Genre kann so gut wie alles passieren. Die Spannung steigt mit jeder Minute und du fragst dich mehr und mehr, welcher Charakter es bis zum großen Finale schafft oder wie die Kreaturen, die nachts im Wald herumschleichen, aussehen. Dahinter steckt vor allem eine zentrale Frage, und zwar wann man sich endlich wieder entspannen kann.

Der Film oder das Buch als Medium selbst sind dabei genauso Bestandteile des Spannungsbogens, denn du weißt, wenn du einen Horrorfilm schaust, dass erst nach und nach eine Gefahr für die Charaktere entsteht. Natürlich bilden Klassiker wie “Psycho” oder Experimente wie “the empty man” eine gern gesehene Ausnahme, doch in den meisten Fällen wird selbst im Horror-Genre keiner der Hauptcharaktere wirklich in Gefahr sein, bis zum Finale der Geschichte. Das Medium selbst ist also eine Art tickende Zeitbombe. Das Grauen steigt mit jeder Seite, die du umblätterst. Die Spannung baut sich auf, Minute für Minute, Stein für Stein, immer höher, wie ein Turm, der bis in den Himmel wachsen möchte. Und schließlich bricht er doch zusammen.

Habe ich gerade einen generischen Spannungsbogen einer Horrorgeschichte zusammengefasst? Nein! Also doch ja, aber ich habe ebenso das Grundprinzip des fantastischen TTRPGs Dread erklärt. Zur Einordnung, “Dread” (Zu Deutsch “Das Grauen”) ist ein TTRPG von Epidiah Ravachol und Nat Barmore aus dem Jahre 2005, welches unter anderem den ENNIE Award für innovatives Gamedesign gewann. Meiner Meinung auch absolut zurecht, denn Dread macht einiges anders als viele andere bekanntere TTRPGs. Es verzichtet nämlich komplett auf Würfel und Zahlen. Aber bevor du jetzt schockiert wegklickst, gib mir die Chance, dir zu erklären, warum ich genau das für genial halte.

In Dread gibt es nur dich, die Spielleitung, und den alles entscheidenden Turm. In Dread wird nämlich jede riskante Handlung nicht mit einem Würfel entschieden, sondern mit einem Stein. Du als Spieler*in darfst (oder eher musst) jedes Mal, wenn die Spielleitung dich auffordert, einen Stein aus einem Jenga Turm ziehen. Dementsprechend sieht dein Charakterbogen auch sehr anders aus, aber dazu später mehr.

Der alles entscheidende Jenga Turm

Somit ist der Spannungsbogen als tickende Zeitbombe hier kein Zeitstempel oder eine Seitenzahl, sondern ein immer wackeliger werdender Turm. Sobald der Turm einstürzt, wird der Charakter, der zuletzt den Turm berührt hat, aus dem Spiel entfernt. Es gibt also eine Gefahr direkt vor dir, welche immer bedrohlicher wird. Genau wie deine Charaktere musst du dich dieser Gefahr stellen, um sie zu überwinden.

Jenga Turm statt Würfelproben

Der Vampir will dich beißen? Stein ziehen! Ein uraltes kosmisches Symbol treibt dich in den Wahnsinn? Stein ziehen! Der Nachbarshund entpuppt sich als menschenfressendes Alien? Du hast es erraten, du musst einen Stein ziehen. Alle weiteren Handlungen schaffst du. Einfach so, oder zumindest solange es realistisch genug klingt, dass dein PC dies auch schaffen kann. Eine Professorin der Chemie wird keinen Stein ziehen müssen, um eine Bombe aus handelsüblichen Chemikalien zu basteln. Ein Fotograf ist vielleicht aufmerksamer als die anderen in der Gruppe und muss beim Schleichen durch den Wald keinen Stein ziehen. Doch es kann vorkommen, dass sogar ein Rugbyspieler einen Stein ziehen muss, wenn er den Serienmörder mit der Hockey-Maske tackeln will.

Irgendwann, früher oder später, kippt der Turm. Dread ist somit kein Spielsystem, welches sich über jahrelange Kampagnen erstrecken kann. Dafür bietet dieses Spielsystem aber ein so simples wie effektives Regelwerk, wenn du nur einen oder wenige Abende spielen möchtest. Jedes Mal zum Ende der Sitzung haltet ihr gespannt den Atem an, wenn im großen Finale der letzte Stein gezogen werden muss, welcher über (fiktives) Leben oder Sterben entscheidet. 

Fragebogen statt Charakterbogen

Als nächsten Punkt möchte ich etwas erwähnen, das ich persönlich zum ersten Mal in Dread gesehen habe. Etwas, das ich inzwischen für alle meine privaten Runden übernehme. Und zwar meine ich den Fragebogen. Da es in Dread keine Zahlen und auch keine Skills gibt, besteht dein Charakterbogen aus Fragen und Antworten. Die Spielleitung gibt dir zu Beginn einen Fragebogen mit Fragen wie: „Wen in deiner Familie hast du am liebsten?”, oder: „Wenn du alleine Zuhause bist, was geht dir durch den Kopf?” So baust du dir schnell einen Charakter zusammen, der auch ohne Attributswerte mehrdimensional sein kann. Es gibt dabei keine vorgefertigten Fragen, sondern du kannst dir als Spielleitung zu der Story passende Fragen ausdenken. Horror ist, ähnlich wie Humor, sehr subjektiv. Daher finde ich den Ansatz von Dread fragen zu stellen sehr effektiv. Durch die Antworten können in Dread sehr persönliche Situationen entstehen. Die Charaktere müssen sich dann vielleicht mit ihren geheimen Schwächen oder großen Ängsten auseinandersetzen und das ist manchmal gruseliger als das Monster selbst.

Horror und Safety Tools

Zuletzt möchte ich hier kurz eine Empfehlung aussprechen. Spiele wie Dread sind auf verschiedenen Ebenen intensiv. Daher halte ich es für wichtig, mit meinen Spielenden vor, während und nach dem Spiel zu klären, ob das, was im Spiel passiert, in Ordnung ist. Wie oben bereits erwähnt, ist Horror sehr subjektiv, jeder Mensch zieht hier andere Grenzen für sich, und jede Grenze sollte respektiert werden. Es gibt verschiedene Werkzeuge, auch Safety-Tools genannt, die ich standardmäßig nutze. Die X-Karte sowie “Lines and Veils” nutze ich in all meinen Runden. Diese und weitere Safety-Tools helfen mir und der Gruppe dabei, aufeinander zu achten. Das Thema Safety-Tools soll hier jedoch nur kurz erwähnt bleiben. Die Tools sind wichtig genug, um eigene Artikel in aller Tiefe zu erhalten.

Wenn du also Lust auf einen Abend voller Spannung und gemeinsames Gruseln bei jedem Zug hast, dann ist Dread ein sehr einfaches, aber elegantes TTRPG.

Dread ist in der offiziellen deutschen Version über System Matters erhältlich.
https://www.system-matters.de/shop/dread/